Pressetext vom 27. Mai 2020

Ehrenamtlicher Aussprache-Coach sein – Wie Freiwillige per Video-Chat anderen helfen, besser Deutsch zu sprechen

„Coaching wäre für mich eine Win-Win-Situation – ich habe was zu tun, und kann anderen helfen!“ schreibt Ilona*, deren Aufträge als Schauspielerin aufgrund von Corona bis in den Herbst hinein abgesagt worden sind. Mit ihrer Mail bewirbt sich die 34-jährige auf das neue Projekt des Freiwilligen Zentrums Hamburg als Online-Coach für Aussprache, Betonung und Satzbau.

„Das Projekt ist gleich am Anfang des Corona-Lockdowns entstanden“, erzählt Carolin Goydke, Leiterin des Freiwilligen Zentrums und verantwortlich für das Projekt. „Uns war bewusst, dass sich jetzt viele Menschen gern freiwillig engagieren wollen, gleichzeitig war klar, dass es in den „klassischen“ Bereichen wie Besuchsdiensten, Kinderbetreuung oder Gruppenarbeit über längere Zeit nicht möglich sein wird. Außerdem nahmen wir an, dass viele Angebote, die „Sprachanlässe“ bieten wie Sportvereine, Sprachtraining in Gruppen, Chöre, oder oft auch die Arbeit, erstmal ausfallen. Dies ist besonders ungünstig für Menschen, die erst seit einiger Zeit Deutsch lernen“, so Goydke.

Auf den Aufruf des Freiwilligen Zentrums meldeten sich anfangs richtig viele, erinnert sie sich. „Gerade Menschen, die sich schon immer gern ehrenamtlich engagieren wollten, die aber aufgrund ihres Jobs bisher nicht dazu gekommen waren, waren begeistert von der Idee, so etwas zu machen.“ Schülerinnen und Schüler, die im Projekt „Coachees“ genannt werden, fand das Freiwilligen Zentrum über Facebook, die eigene Website und offenbar vor allem über Freundschaftswerbung: „Ich, sowie meine Freunde, die bereits auch dabei sind, sind sehr zufrieden mit diesem Projekt“ schreibt Ali*, der mittlerweile sogar zwei Coaches hat, weil er gern mehrmals in der Woche üben möchte. „Die meisten Coachees sind sehr ambitioniert“ sagt Goydke, viele sind als Jugendliche aus Ländern wie Afghanistan, Somalia oder Eritrea geflüchtet und sind gerade dabei, einen Schulabschluss oder eine Lehre zu machen.“ „Ich mache eine Ausbildung als Bürokaufmann, dafür muss ich am Telefon einfach gut verstanden werden!“ begründet Halil* seinen Wunsch nach einem Coach.

Aber nicht nur Geflüchtete nehmen am Online Aussprache-, Betonungs- und Satzbaucoaching teil. Es sind Zugewanderte, wie die beiden Erzieherinnen Paula* und Anna*, die FSJ-lerin Yolanda* und der indische Student Vinod*, der in Deutschland arbeiten will und dafür „verhandlungssicher“ Deutsch sprechen muss.

„Voraussetzung auf beiden Seiten sind natürlich Laptop oder Smartphone und ein stabiler Internet-Zugang. Ob das klappt, wird schon im Erstgespräch deutlich, das selbstverständlich online stattfindet“, so Goydke. „Wir benutzen als Software Ecclesias Konferenz, eine Software, die vom Erzbistum Hamburg bereitgestellt wird. Das ist für das Projekt wunderbar“, sagt sie, „weil es absolute Anonymität garantiert. Ich stelle Coach und Coachee einander vor, allerdings nur mit Vornamen, richte ihnen einen virtuellen Konferenzraum ein und dort können sie sich verabreden. Sie müssen einander weder die eigene Mailadresse, noch eine Telefonnummer geben.“

Bereits neun Wochen nach Projektbeginn sind schon 36 Tandems entstanden. „Einige haben auch schon wieder aufgehört, aber das ist okay“, sagt Goydke. „Eine Lehrerin hat sich zwei Wochen lang in ihren Ferien täglich mit ihrem Coachee getroffen, dann hatte sie keine Zeit mehr. Aber wir haben dann jemanden anderes gefunden, jetzt geht es ein- oder zweimal in der Woche weiter.“ Die meisten Freiwilligen sind sehr zufrieden mit dem, was sie machen und es macht ihnen viel Spaß. „Ich bekomme so viel zurück und es gibt meinem Tag Struktur in dieser sonderbaren Zeit“, sagt Berenice*, die sich ganz regelmäßig von montags bis freitags mit „ihrem“ Coachee trifft.

Carolin Goydke freut sich, dass dies ein Projekt ist, an dem Freiwillige auch für ein paar Wochen oder Monate sinnvoll mitwirken können. „Eine umfassende Einarbeitung ist nicht nötig. Wenn ich Coach und Coachee miteinander bekannt mache, demonstriere ich immer, was ich mir vorstelle. Der Coachee hat die Verantwortung dafür, was er oder sie lernen möchte, welche Sätze und Redewendungen im eigenen Leben wichtig sind. Das können gesprochene oder gelesene Sätze sein, kann sich an Kunden, Kinder oder an Freunde richten.“ Sie ist zuversichtlich, dass viele Tandems auch über die Corona-Zeit hinaus bestehen bleiben. „Auch wenn die Coaches wieder beruflich mehr eingespannt sind, wird es für viele trotzdem möglich sein, ein oder zweimal in der Woche ein Coaching zu machen. Dass keine Anreise erforderlich ist und die Termine ganz flexibel miteinander verabredet werden, ist ein enormer Vorteil des Projekts“, ist sich Goydke sicher.

„Wir freuen uns sowohl über neue Coaches, als auch über Coachees, auch über die Corona-Zeit hinaus. Auf längere Sicht suchen wir außerdem jemanden, der oder die uns in der Projektorganisation unterstützt“, so die Leiterin des Freiwilligen Zentrums. „Ich frage mich, warum wir diese Idee nicht schon längst hatten, Video-Chats waren doch auch schon vor Corona möglich! Aber manchmal brauchen gute Ideen einfach einen Anlass von außen, um zu entstehen.“

Sie möchten Coach oder Coachee sein?

Melden Sie sich unter info@fz-hamburg.de

*Name geändert


Hinweis für Jounalist*innen

Sie können diesen Text vollständig, in Auszügen oder gekürzt verwenden. Sollten Sie Fragen haben, rufen Sie gerne an: Carolin Goydke, (0 40) 248 77 361

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